Der Drache bläset Lermen - geistliche Werke zum Michaelisfest

Hier gehts zum Vorverkauf:

'Der Drache bläset Lermen' - Geistliche Werke zum Michaelisfest

Im 17. und 18. Jahrhundert war der 29. September, im Gegensatz zu heute, ein hoher kirchlicher Feiertag. Das leibhaftige Böse in Gestalt des Teufels (es gab noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts Hexenverfolgungen in Deutschland!), war damals auch im Alltag noch gegenwärtig und deshalb wurde der Tag des Erzengels Michael, der gegen den Teufel in Form des Drachens kämpfte, v.a. in den protestantischen Gebieten intensiv gefeiert. Die Komponisten, die die Gottesdienste an diesen Tagen mit Musik ausgestalteten, hatten oft eine sehr martialische Vorstellung des Kampfes 'Gut gegen Böse' - viele der zu diesem Anlass komponierten Kantaten sind wahre Schlachtenmusiken mit ausgiebiger Verwendung von Trompeten und Pauken. Johann Sebastian Bach hat zu diesem Feiertag einige repräsentative Beispiele in seinem Kantatenwerk (BWV 19, 50, 130 und 149) geliefert und auch er greift in allen diesen Werken auf das übliche Ensemble mit drei Trompeten und Pauken zurück. Aber auch von anderen Barock-Komponisten wie Gottfried Heinrich Stölzel, Johann Friedrich Fasch und Georg Philipp Telemann sind etliche Beispiele von grandiosen Michaeliskantaten überliefert, die nur leider heute noch grösstenteils in den Archiven schlummern.

Das Programm:

C.Ph.E.Bach (1714 - 1788)  - Marsch C-Dur 'für die Arche' - Wq 188 (H. 621) - 3 Trompeten & Pauken
Dieser Marsch stammt sicher aus C.P.E. Bachs Hamburger Zeit (1768 - 1788) und wurde wohl für den Hamburger Türmer und Ratsmusiker Johann Hinrich Rudolph Cario (1737 - 1813) und seine Trompeterkollegen komponiert. Obwohl Hamburg ein freier Stadtstaat war und keinen repräsentativen Fürstenhof hatte, mochte man bei kirchlichen und weltlichen Anlässen doch nicht auf feierliche Aufzüge und Intraden mit Trompeten und Pauken verzichten. Es ist anzunehmen, dass Bach das Stück für einen speziellen Anlass komponierte, worauf v.a. der Zusatz 'für die Arche' hinweist, aber es liegen uns darüber leider keinerlei weitere Informationen vor.

J. Krieger (1652 - 1735) - Musikalische Andacht 'Der Drache bläset Lermen' - Bass, 3 Trompeten, Pauken & B.c.
In der 2. Halfte des 17. Jahrhunderts, nach den Verwüstungen im 30-jährigen Krieg, nahm das kulturelle Leben in Deutschland einen überraschend schnellen Aufschwung, was sich in zahlreichen gedruckten Sammlungen von Instrumental- und Vokalmusik in dieser Zeit niederschlug. Damit war eine schnelle und für die Komponisten und Drucker lukrative Verbreitung von Noten möglich. 1684 veröffentlichte der in Nürnberg geborene Johann Krieger an seinem damaligen Wirkungsort Zittau das 3-teilige Sammelwerk 'Neue musikalische Ergetzlichkeit' mit einer Vielzahl an geistlichen und weltlichen Werken auf Texte des Zittauer Rektors Christian Weise (1642 - 1708). Eines der eindrücklichsten Stücke aus dieser Sammlung ist die Musikalische Andacht 'Der Drache bläset Lermen', einer sogenannten Strophenarie, die unserem heutigen Konzert den Titel gibt und den Kampf von St. Michael gegen den Drachen musikalisch plakativ umsetzt.

1.Der Drache bläset Lermen,
und will in solchen Schwermen
dem Engel widersteh'n:
da steht er auf der Wolcke,
und denckt mit seinem Volcke
dem Himmel nah zu geh'n.
Sie wollen die Helden des Lebens ertödten,
drum klingen die Waffen zum scharfen Trompeten.

2.Wiewohl er muss verspielen,
und seine Schande fühlen,
denn hier ist Gottes Fahn',
die lässt den Donner krachen
und schreckt den alten Drachen,
dass er nicht bleiben kann.
Er stürzet hinunter und lieget in Nöthen,
so bläset der Himmel die Siegestrompeten.

4. Wil nun der Drache rasen,
und noch zu Felde blasen,
so hab er guten Fug.
Ich stehe bey den Scharen,
die um des Königs waren,
als er den Satan schlug.
Kein Christe versincket in ewigen Nöthen,
er höret im Glauben die Siegestrompeten.

C.Ph.E.Bach - I. Allegro aus Sonate F-Dur Wq 70,3:
Carl Philipp Emanuels Orgelsonaten stehen immer noch im Schatten des "übermächtigen" Vaters. So schrieb etwa der Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel quasi entschuldigend: "Diese Orgel-Solos sind für eine Prinzessin gemacht, die kein Pedal und keine Schwierigkeiten spielen konnte, ob sie sich gleich eine schöne Orgel mit zwei Clavieren und Pedal machen ließ und gerne darauf spielte." Da die Prinzessin, gemeint ist Anna Amalia v. Preußen, aber nicht etwa nur ein Manualiter-Positiv, sondern eine große Orgel mit Pedal bauen ließ, wird man Forkels häufig zitierte anekdotische Notiz mit einer gewissen Skepsis betrachten müssen: ist sie vielleicht der Versuch des künstlerisch durchaus auf J. S. Bach fixierten Forkel, für die von ihm gewiss als Mangel empfundene Pedallosigkeit der Sonaten C. Ph. E. Bachs eine Entschuldigung zu finden? Die eigentliche Ursache für den Verzicht auf das Pedal dürfte wohl in dem Stilwandel zur Frühklassik begründet sein. Die musikalischen Qualitäten sind es, weswegen die Orgelsonaten des berühmten Bach-Sohnes auch heute noch viel und gerne gespielt werden.

W.F. Bach (1710 - 1784) - Aria Nr. 3 'Erschallet ihr Klüfte' aus Kantate F 75 'Gott fähret auf mit Jauchzen' - Bass, 2 Trompeten, Pauken & B.c.
Bachs ältester Sohn Wilhelm Friedemann ist heute als etwas schwieriges Genie bekannt, das die Widerspenstigkeit seines Vaters geerbt hatte, von seiner Musik kennt man dagegen kaum etwas. Aus seiner Zeit als Organist und Musikdirektor in Halle/Saale (1746 - 1764) sind uns etwa 20 Kirchenkantaten zu besonderen Festtagen überliefert. Die meisten davon übertreffen die Kantaten des Vaters noch hinsichtlich der Anforderungen an die virtuosen Fähigkeiten der Ausführenden, weshalb sie im heutigen musikalischen Leben nur eine untergeordnete Rolle spielen. Speziell die Gesangsstimmen sind oft sehr instrumental geführt - was sich auch in der Basspartie der heute zu hörenden Arie "Erschallet ihr Klüfte" so darstellt. Die beiden Trompetenstimmen sind ebenfalls ausserordentlich virtuos und ganz offensichtlich hat sich Wilhelm Friedemann an ähnlichen Werken seines Vaters orientiert; teilweise hat er sogar ganze Kantatensätze von ihm übernommen und vielleicht beruht auch diese Arie auf einer heute verschollenen Kantate von Bach Senior.

Erschallet, ihr Klüfte,
ertönet, ihr Lüfte, vom Jubelgeschrei.
Er lasse dem siegenden Schöpfer zu Ehren,
was lebet und schwebet, ein Siegeslied hören
und trete den himmlischen Reihen mit bei.
[d.c.]

J.S. Bach (1685 - 1750) - Arie Nr. 2 'Kraft und Stärke sei gesungen' aus Kantate BWV 149 'Man singet mit Freuden vom Sieg'
Die Kantate BWV 149 ist die letzte der drei erhaltenen Kantaten Johann Sebastian Bachs für den Michaelistag. Die in ihr enthaltene Bassarie "Kraft und Stärke sei gesungen" wird von zwei tiefen Instrumentalmelodien begleitet. Es untersucht den Konflikt zwischen Gott und Satan und enthält einen sehr aktiven Generalbass, das „die Wut des Kampfes“ darstellt. Die in der Offenbarung des Johannes erwähnte Bildsprache einer „großen Stimme“ verkündet das Lamm, „das Satan besiegt und verbannt hat“.

J.S. Bach (1685 - 1750) - Arie Nr. 3  'Der alte Drache brennt vor Neid' aus Kantate BWV 130 'Herr Gott, dich loben alle wir' - Bass, 3 Trompeten, Pauken & B.c.
Das sicherlich eindrücklichste Beispiel einer barocken Michaelis-Schlachtenmusik ist die Arie "Der alte Drache brennt vor Neid' aus dem Jahr 1724. Auch Bachs erster Trompeter, der Stadtpfeiffer-Primus Gottfried Reiche (1667 - 1734), dem ausserordentliche Fähigkeiten auf seinem Instrument nachgesagt werden, dürfte zumindest die Augenbrauen nach oben gezogen haben, als er die Noten dieser Kantate zum ersten Mal sah. Bach ist hier wirklich an die äussersten spielerischen und harmonischen Möglichkeiten der damaligen ventillosen Naturtrompete gegangen und fordert v.a. der ersten Trompete alles hinsichtlich Kondition und Virtuosität ab. Für eine spätere Aufführung hat Bach dann auch die drei Trompeten wohl gezwungenermassen durch Violinen ersetzt - aber wie man sich vorstellen kann, ging dadurch ein Grossteil der prächtigen Klangwirkung verloren.

Der alte Drache brennt vor Neid
und dichtet stets auf neues Leid,
dass er das kleine Häuflein trennet.
Er tilgte gern, was Gottes ist,
bald braucht er List,
weil er nicht Rast noch Ruhe kennet.
[d.c.]

J.S. Bach (1685 - 1759) - Fantasie G-Dur BWV 572
Johann Sebastian Bachs "Fantasie G-Dur" zählt zu den originellsten, schönsten und wirkungsvollsten Schöpfungen des Meisters, die ebenso mit gedanklicher Frische und Könnerschaft im Detail wie durch große innere Sicherheit und Zielstrebigkeit im Duktus, vor allem aber durch eine großartige Gesamtdisposition besticht. Die Fanstasie besteht aus drei Teilen: der erste Teil bringt ein Manualsolo mit weit ausgesponnener, einstimmiger Linie , die jedoch eine latente Mehrstimmigkeit suggeriert. Der zweite Teil beginnt mit einem überraschenden Pedaleinsatz auf dem Grundton G. Zusammen mit den unmittelbar darauf einsetzenden Manualstimmen entsteht nun ein fünfstimmiger Satz im Alla-breve-Takt, der vor allem durch harmonische Kühnheit mit zahlreichen Vorhalten geprägt ist und auf französischen Vorbildern beruht. Über 157 Takte steigert sich allmählich die harmonische Spannung und kulminiert schließlich in einem Orgelpunkt auf der Dominante D, der sich über neun Takte hinzieht. Das Ende dieses Teils erfolgt in einem abrupten Trugschluss auf einem verminderten Septakkord. Der dritte Teil besteht aus arpeggierenden Manualläufen in 32tel-Sextolen, untermalt von chromatisch absinkenden Pedaltönen, die wiederum auf dem D als Orgelpunkt landen, bevor die lang erwartete, triumphierende Schlusskadenz in G-Dur erreicht wird.

G.Ph. Telemann (1681 - 1767) - Kantate 'Jauchzet dem Herrn alle Welt' (Psalm 100) TVWV 1:952 - Bass, 3 Trompeten, Pauken & B.c.
Mit Georg Philipp Telemann, dem in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts berühmtesten deutschen Komponisten - gleichzeitig Hamburger Amtsvorgänger und Patenonkel von C.Ph.E. Bach - schliesst sich der musikalische Kreis. Die heute aufgeführte Kantate 'Jauchzet dem Herrn alle Welt' wurde zwar nicht ausdrücklich für Michaelis komponiert, sondern eigentlich zum Neujahrsfest, aber der damalige Kopist hat auf der handschriftlichen Partitur den Zusatz "Item in Tempore Messis" vermerkt, somit erlaubt der hier vertonte Text des 100. Psalms auch eine Aufführung zu anderen Zeiten des Kirchenjahres. Das Manuskript dieser Kantate, das sich heute in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek befindet, war als Kriegsbeute nach Russland gelangt und wurde 1991 von St. Petersburg an Hamburg zurück gegeben. Ursprünglich wohl nur mit zwei Trompeten besetzt, hat ein unbekannter zeitgenössischer Bearbeiter für eine spätere Aufführung eine dritte Trompete und eine Pauke in die Partitur geschrieben. Dem festlichen Sujet angemessen, dominiert in der Kantate ein freudiger optimistischer Grundton und sie schliesst mit einem schwungvollen "Alleluja" ab.

Aria: Jauchzet dem Herrn alle Welt,
dienet dem Herrn mit Freuden.
Kommet vor sein Angesicht mit Frohlocken.

Arioso: Erkennet, dass der Herr Gott ist,
er hat uns gemacht und nicht wir selbst,
zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

Aria: Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,
zu seinen Vorhöfen mit Loben,
danket ihm, lobet seinen Namen.

Arioso: Denn der Herr ist freundlich,
und seine Gnade währet ewiglich
und seine Wahrheit für und für.

Aria: Alleluja!

Zurück

Copyright 2021 Kulturforum Lutherkirche.